Die vier Reiche der Animoxe

Wie alles beginnt …
… was Simon betraf, hatte sein Onkel nur einen Grundsatz, und der lautete: Halte dich von Tieren fern. Jahrelang war Simon das nicht schwer gefallen. Er mochte Tiere, aber er hatte sich nie ein Haustier gewünscht, und sein Onkel achtete peinlich darauf, dass sich keine Wanzen oder Ratten bei ihnen einnisteten. Doch vor einem Jahr hatte sich alles geändert. Simon war von einer lautstarken Unterhaltung erwacht, die ihn glauben ließ, sein Nachbar habe den Fernseher auf volle Lautstärkte gedreht. Zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass es nicht der Fernseher war – es waren die Tauben auf der Feuertreppe vor seinem Fenster. Er konnte nicht nur alles verstehen, was sie sagten, sie verstanden auch alles, was er sagte. Und nicht nur die Tauben. Simon konnte mit den Katern reden, die durch die engen Seitenstraßen strolchten, mit den Ratten, die in den Mülltonnen nach Futter suchten, und sogar mit den Mücken, die er im Sommer wegwedelte. Er hatte geglaubt, er sei verrückt geworden – er war immer noch nicht ganz sicher, ob das nicht der Fall war –, jedenfalls wurde Simon seitdem von Tieren umschwärmt, und es wurde immer schwieriger, sein Geheimnis vor Onkel Darryl geheim zu halten. Glücklicherweise war sein großer, breitschultriger Onkel sehr viel stärker und einschüchternder, als er selbst wohl je sein würde, und die meisten Tiere fürchteten sich vor ihm, ohne dass Simon leere Drohungen aussprechen musste. Er verstand nicht ganz, warum Darryl Tiere so sehr hasste, aber er war ziemlich sicher, dass es etwas mit den Narben zu tun haben musste, die sein Onkel am ganzen Körper hatte, darunter auch eine zornige rote Narbe auf der linken Wange. Simon hatte seinen Onkel schon unzählige Male gefragt, wie er sie sich zugezogen hatte, doch er hatte nie eine Antwort bekommen. „Ihr kriegt euer Futter später“, sagte Simon zu den Tauben. „Aber nur …“ Plötzlich drang ein starker Windstoß durchs Fenster, und einige der Tauben flatterten erschreckt auf. Bevor Simon sich darüber freuen konnte, landete ein großer, goldener Adler genau dort, wo gerade noch die Tauben gesessen hatten. Simon erstarrte. Er hatte noch nie einen Adler persönlich getroffen. Einige seiner Federn standen in seltsamen Winkeln ab, als hätte er gerade einen Kampf hinter sich, und Simon sah, dass er nur ein Auge hatte. Die übrigen Tauben rutschten nervös hin und her, und Simon runzelte die Stirn. „Hör mal, ich habe noch kein Futter. Wenn du in einer halben Stunde wiederkommst … „Futter interessiert mich nicht“, erklärte der Adler hochtrabend. „Was willst du dann?“ Der Adler drehte den Kopf, um Simon mit seinem gesunden Auge anzusehen. „Du schwebst in großer Gefahr, Simon Thorn. Wenn du nicht sofort mit mir kommst …“ „Simon?“, ertönte eine raue Stimme vor der Tür. „Mit wem sprichst du?“ Darryl. Simon schlug hastig das Fenster zu, ohne den Adler ausreden zu lassen. Unglücklicherweise sperrte er so die erste Taube ein. Simon schoss durchs Zimmer und stemmte einen Fuß vor die Tür, damit Darryl sie nicht ganz öffnen konnte. Für eine Taube in seinem Zimmer konnte er sich eine Ausrede einfallen lassen, bei einem Adler auf seiner Feuertreppe sah es schon anders aus. „Was ist hier los?“, fragte sein Onkel, strich sich die langen dunklen Haare aus den Augen und versuchte, ins Zimmer zu spähen. Die Taube auf Simons Nachttisch trippelte Richtung Fenster. „Nichts“, sagte Simon mit klopfendem Herzen. „Ich mache mich nur für die Schule fertig.“ Vor seinem Fenster begannen gleich mehrere Tauben zu gurren, und Simon zuckte zusammen. Darryls schob den Kiefer vor und ließ die Muskeln seiner gewaltigen Arme spielen. „Hast du sie wieder gefüttert?“ „Ich habe am Samstag aus Versehen das Fenster offen gelassen“, gestand Simon. „Sie haben mir mein halbes Käsebrot geklaut.“ Er konnte Darryl nicht die Wahrheit sagen – dass er sein Käsebrot einer kranken Taube geschenkt hatte, die selbst nicht die Kraft gehabt hatte, nach Futter zu suchen. Sein Onkel grummelte. „Wie oft muss ich es dir noch sagen? Wenn du sie einmal fütterst …“ „Kommen sie immer wieder, bis ihre dummen Taubenhirne verrotten“, leierte Simon herunter. „Ich weiß. Es tut mir leid.“ Darryl warf einen weiteren Blick durch den Teil des Zimmers, den er von der Tür aus sehen konnte, und Simon hätte schwören können, er habe ihn knurren gehört. „Lass das Fenster zu. In zehn Minuten gibt es Frühstück. Heute wirst du eine anständige Portion Protein gebrauchen können.“ Simon würde mehr als Protein brauchen, um den Tag zu überstehen. Eher ein mittleres Wunder. „Ich komme gleich.“ Sobald die Schritte seines Onkels leiser wurden, lief Simon wieder zum Fenster, doch der goldene Adler war verschwunden. Er biss sich auf die Lippe. Warum hatte der Adler gesagt, Simon sei in großer Gefahr? Und woher kannte er seinen Namen? Er öffnete das Fenster weit genug, um die Taube hinauszulassen. „An deiner Stelle würde ich zusehen, dass ich wegkomme, bevor mein Onkel dich wirklich zum Frühstück verspeist.“ „Schon unterwegs“, gurrte die Taube, breitete die Flügel aus und flog los. Trotz des Ärgers, für den sie gesorgt hatte, ließ Simon sie beinahe ungern gehen. Tauben waren vielleicht unhöflich, aber es war fast immer eine zur Stelle, wenn er Gesellschaft brauchte. „Du solltest Darryl von dem Adler erzählen“, fiepte ein Stimmchen unter ihm. Simon stöhnte. „Der Tag wird auch so schon schlimm genug. Wenn Darryl herausfindet, dass ich ihn angelogen habe, bekomme ich noch dazu einen Monat Stubenarrest.“ Eine kleine braune Maus kletterte an Simons Schlafanzughose hoch. „Immer noch besser, als in großer Gefahr zu schweben, was auch immer das heißen mag.“

Animox. Leseprobe

Simon stopfte das Pausenbrot in seinen Rucksack und verließ die Wohnung. Er trottete leise die Treppe hinunter. Ihre Wohnung lag gegenüber vom Central Park, und Simon betrachtete die Bäume am Straßenrand, während er an der Ecke wartete, an der Colin und er sich im letzten Schuljahr immer getroffen hatten. Aber Colin war nicht da, was Simon noch nervöser machte. Sonst war er immer derjenige, der spät dran war. Simon sah auf die Uhr. Zehn Minuten. Wenn Colin in zehn Minuten nicht hier war, würde er gar nicht mehr kommen. Er versuchte, lässig zu wirken. Er lehnte sich gegen den Pfosten eines Verkehrsschilds und bemühte sich, nicht auf seine verschwitzten Handflächen zu achten. Er sah noch einmal auf die Uhr. Neun Minuten und dreißig Sekunden. Colin wohne am Ende des Blocks – auf dem Weg zur Schule musste er hier vorbei. Ein schriller Schrei ließ Simon die Nackenhaare zu Berge stehen, und einen Augenblick lang war er sicher, dass der Adler zurückgekommen war. Er warf einen Blick über die Bordsteinkante. Mehrere Ratten zogen an etwas, das Simon erst für eine zusammengeknüllte Zeitung hielt, die sie aus dem Müll geholt hatten. Doch als das Knäuel einen zweiten Schrei ausstieß, schrak er zurück. Die Ratten griffen eine Taube an. „He! Hört sofort auf!“, schrie er und sprang auf die Straße. „Lasst sie in Ruhe!“ Die Ratten erstarrten. Sie warfen einen Blick auf Simon, schossen in den Kanal und ließen die verletzte Taube auf dem Bürgersteig zurück. Simon kniete sich neben sie. Ihm war bewusst, dass mehrere Leute, die an der Straße auf eine Gelegenheit zum Überqueren warteten, ihn anstarrten, aber er konnte die Taube nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. „Alles in Ordnung?“, fragte er. Die Taube gurrte schwach. „Fliegen“, murmelte sie, breitete die Flügel aus und hob sich in den Himmel. Simon stand wieder auf und versuchte, der Taube mit dem Blick zu folgen, doch als sie um die Ecke flog, verlor er sie aus den Augen. In den nächsten acht Minuten wurde Simon Zeuge von weiteren Kämpfen zwischen Tauben und Ratten: Einmal griffen mehrere Tauben eine einzelne Ratte an, dann hatten die Ratten wieder die Überhand, und schließlich lieferte sich ein ganzer Taubenschwarm ein Gefecht mit einem Rudel Ratten und blockierte dabei den halben Bürgersteig, so dass alle Fußgänger ausweichen mussten. Simon tat sein Bestes, um die Scharmützel zu beenden, aber allein konnte er nicht viel ausrichten. Niemandem schien aufzufallen, dass die Tiere sich seltsam verhielten, und Simon musste an die Warnung des Adlers denken. Vielleicht hätte er doch zu Hause bleiben sollen. Schließlich waren die zehn Minuten um, und Colin war immer noch nicht aufgetaucht. Simons Mut sank. Vielleicht war er heute besonders früh zur Schule gegangen, überlegte Simon, während er die Straße überquerte. Oder vielleicht wartete er im Central Park. Darryl hasste den Park fast ebenso sehr, wie er Tiere hasste, und er hatte Simon ausdrücklich verboten, allein dort hinzugehen – was natürlich hieß, dass Simon sich in den Park schlich, so oft er konnte, wenn sein Onkel bei der Arbeit war, besonders im Sommer. Ein Schauer überlief ihn, als er in den Pfad einbog, der seinen Schulweg um gut zehn Minuten abkürzte. Die raschelnden Bäume, das grüne Gras und der Geruch nach feuchter Erde hoben seine Stimmung, und da der Pfad nahezu menschenleer war, wagte er es sogar, einige Enten zu grüßen, die durch den Park watschelten. „Wie ich sehe, hast du meine Warnung nicht beherzigt, Simon Thorn.“ Simon wirbelte herum. Auf einem Ast über seinem Kopf hockte der goldene Adler von der Feuertreppe. „Was soll ich denn machen? Heute ist der erste Schultag.“ „Manche Dinge sind wichtiger als der erste Schultag.“ Der Adler breitete die Flügel aus und landete auf einer Bank mit einer goldenen Plakette. „Du musst sofort mit mir kommen, Simon – zu deiner eigenen Sicherheit.“ „Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich habe keine Flügel“, sagte Simon. „Warum kennst du überhaupt meinen Namen?“ „Weil“, sagte der Adler mit einem langgezogenen Seufzer, „deine Mutter ihn mir gesagt hat.“ Von allen möglichen Antworten war dies die letzte, die Simon erwartet hatte. „Du … kennst meine Mutter?“ „So ist es“, sagte der Adler. „Wenn du jetzt bitte mit mir kommen würdest …“ Ein Fauchen drang durch die frische Morgenluft. Erschrocken flatterte der Adler auf, und Simon fluchte. „Warte! Komm zurück!“ Doch der Adler war bereits fort.

In welcher Gefahr schwebt Simon? Wie kann es sein, dass der Adler Simons Mutter kennt? Warum verhalten sich die Tiere in der Stadt so seltsam? Und was steckt hinter Darryls scheinbarer Abneigung gegen Tiere? Tauch ein in ein atemloses Abenteuer!

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